Telenotarzt: So arbeiten ehrenamtliche Einsatzkräfte virtuell mit Medizinern zusammen
Noch ist die Anzahl der Rettungseinsätze mit zugeschaltetem Telenotarzt (TNA) im Landkreis Regen überschaubar. Erst seit Ende Januar kann bei fünf im Landkreis stationierten Rettungswägen ein Arzt über Fernkommunikation zugeschaltet werden.

Bei 31 Einsätzen war das laut Christian Aulinger, stellvertretender BRK-Rettungsdienstleiter, der Fall. Für den Ernstfall bereiten sich Ehrenamtliche intensiv vor.„Größtenteils waren dies leichtere Einsätze wie Blutdruck senkende Maßnahmen oder die Gabe von Schmerzmitteln“, nennt er Beispiele.
Beim TNA handelt es um einen Notarzt, der nicht physisch beim Einsatz mit dabei ist, sondern über Telekommunikation. Im Zusammenwirken mit dem Notfallsanitäter (NotSan) ist dies ein weiterer Schritt, um die medizinische Versorgung der Patienten bei Unfällen und sonstigen Notfällen sicherzustellen.
Immer mehr Lücken im Dienstplan
„Der TNA ist eine sinnvolle Ergänzung zum bestehenden Notfallversorgungssystem im Rettungsdienst“, ist BRK-Kreisgeschäftsführer Franz Lobmeier überzeugt. Zumal es ohnehin oftmals Lücken im Dienstplan der physischen Notärzte gebe.
Sind die Rettungswägen bereits jetzt mit hochtechnischen Medizingeräten ausgestattet, so kommen mit dem TNA weitere Komponenten dazu. Weil neben dem NotSan auch die Fahrer der Rettungswägen – in den meisten Fällen ausgebildete Rettungssanitäter – diese hochkomplexen Geräte bedienen müssen, fand kürzlich im BRK-Zentrum Viechtach eine Schulung des ehrenamtlichen Rettungsdienstpersonals statt.
Experten geben Wissen an Ehrenamtliche weiter
Für die Rettungsdienstausbildung bei der Bereitschaft Viechtach ist NotSan Michael Steinbauer zuständig. Er freute sich, dass nicht nur seine beiden Kollegen Stefan Bachl und Christoph Göstl ihr Wissen an die ehrenamtlichen Retter weitergaben, sondern dass auch der Notarzt Dr. Franziskus Finsterwalder von der TNA-Zentrale in Bogen zugeschaltet war.
Zunächst erläuterte Christoph Göstl, wie sich der Rettungsdienst in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Ein anhaltender Personalmangel bei den ärztlichen, aber auch nicht-ärztlichen Einsatzkräften führt immer mehr dazu, dass Rettungsmittel zunehmend nicht besetzt werden können.
Anhand einer Bayernkarte präsentierte der Referent das Einsatzgebiet des TNA, das in die drei Zuständigkeitsbereiche Ost-, West- und Nordbayern aufgeteilt ist.
Umfangreiche technische Ausstattung
Viel Zeit verwendeten Stefan Bachl und Christoph Göstl für die Einweisung in die Telekommunikationsgeräte für die TNA-Versorgung. Dazu gehören ein Smartphone mit Videofunktion und Bodycam-Halterung, eine 360 Grad Netzwerkkamera und ein Ohrknochen-Headset. Zusätzlich ist im Rettungswagen ein großer Videobildschirm verbaut, über den die Patienten und auch das Rettungspersonal mit dem Telenotarzt visuell kommunizieren können.
Außerdem sind die Rettungswägen mit mehreren SIM-Karten und einem Bonding Router ausgestattet, der die Netzwerkverbindungen bündelt und für eine sichere Telekommunikation mit dem Notarzt sorgt.
„Die Einsätze mit dem TNA funktionieren gut, auch wenn es noch kleine Kinderkrankheiten gibt“, versichert Bachl. So funktioniere die Zuschaltung Leitstellen-übergreifend noch nicht, nennt er ein Beispiel.
Nach der Einweisung in die technische Ausstattung galt es, das Gehörte in praktische Übungen umzusetzen. Dazu wurden Zweiergruppen gebildet, die eine simulierte Notfallsituation mit dem zugeschalteten TNA meistern mussten.
Simulation eines Schlaganfalls
Das erste Team versorgte einen Schlaganfallpatienten. Neben der Gesamtbeurteilung über den Zustand des Patienten überlieferten die Helfer an den TNA alle von ihnen erfassten medizinischen Werte. Die Vitalwerte, die über das EGK-Gerät ermittelt werden, kann der Notarzt über eine direkte Verbindung in Echtzeit auf seinem Monitor ablesen. Wichtige Informationen für den TNA, wie Medikamentenpläne oder vormalige Krankenhausverlegungsberichte der Patienten, werden von den Sanitätern fotografiert und unmittelbar, wie bei einer WhatsApp-Übertragung, an den Notarzt gesendet. Im vorgegebenen Übungsszenarium wies Dr. Finsterwalder die Sanitäter an, einen venösen Zugang zu legen und delegierte ihnen zusätzlich die Gabe notwendiger Medikamente.
Bei einer weiteren Übung wurde ein Treppensturz mit der Folge einer Oberschenkelfraktur angenommen. In diesem Fall können vom NotSan auf Anordnung des Telenotarztes sogar Schmerzmittel verabreicht werden, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen.
Ausbilder Christoph Göstl zählte jedoch auch Fälle auf, die eine Nachalarmierung des physischen Notarztes notwendig machen. Als Beispiele nannte er unter anderen Reanimationsmaßnahmen, Geburten oder Polytraumen. Auch die Feststellung des Todes eines Patienten oder die Notwendigkeit einer Intubationsnarkose erfordern die Anwesenheit eines Arztes vor Ort.
Kompetenzlevel der Notfallsanitäter steigt
Christoph Göstl und Stefan Bachl erläuterten, welche Dokumentationspflichten beim Telenotarzteinsatz bestehen, klärten über die Rechtsgrundlagen auf, die im Bayerischen Rettungsdienstgesetz verankert sind und informierten darüber wie eine Patientenübergabe im Krankenhaus mittels TNA erfolgen kann.
BRK-Kreisgeschäftsführer Franz Lobmeier, der ebenfalls bei dieser Schulung anwesend war, sprach von besonderen Herausforderungen, die von den ehrenamtlichen Rettern bewältigt werden müssen. Dennoch können durch diesen zusätzlichen Notarztdienst arztfreie Intervalle überbrückt werden. Das Kompetenzlevel der Notfallsanitäter würde mit Hilfe der Telemedizin weiter angehoben, stellte der Kreisgeschäftsführer fest. Die Teilnehmer der Fortbildungsveranstaltung lud Lobmeier schließlich zu einer Nachbesprechung mit Brotzeit ein, die zu einem regen Gedanken- und Erfahrungsaustausch genutzt wurde.